Samstag, 29. Oktober 2011

These Shoes Are Made For Walking

Die frische Kapluft wirkt offenbar anregend. Die Suedafrikaner stehen uns in Sachen kreativer Selbstmord durch ueberlange sportliche Veranstaltungen bekanntlich in nichts nach, man denke etwa an den Comrades (87 km) und den Two Oceans Run (56 km), die beide nicht nur recht lang sind sondern auch in durchaus coupiertem Gelaende stattfinden.

Ob es die Luft oder die Angst vor den Kameraden in meinem Hotel war, jedenfalls hatte ich heute nach einem knapp 30 km Long Jog beim zweiten doppelten Espresso ploetzlich das Beduerfnis ein wenig spazieren zu gehen. Gedacht, getan. Nach einer guten Stunde spricht mich bei einem Blick in die Karte ein Mountainbiker an (uebrigens ein Fan des Hawelka) und empfiehlt mir ein paar gute Trails wie ich via Lions Head und Noon Gun zum Signal Hill komme. Das Gute daran ohne Plan unterwegs zu sein ist, dass es in so einem Fall nicht viel zu ueberlegen gibt. Also mache ich einen auf Wandersmann, und zu meiner eigenen Ueberraschung hat mir das richtig Spass gemacht. Offenbar komme ich schon in ein Alter wo auch Wandern akzeptabel wird und ich nicht jeden Berg im Laufschritt bezwingen muss.

Puenktlich zum Sonnenuntergang habe ich es auf den Signal Hill geschafft, wo ich feststellen musste dass ich der einzige nicht motorisierte Anwesende bin und es sobald die Sonne verschwindet ziemlich ungemuetlich wird. Zum Glueck habe ich mich schon frueher mit zwei Taxlern aus Ghana angefreundet, und so hat mich Eddie aus meiner misslichen Lage befreit. Unterm Strich bleiben neben einigen guten Ausblicken und meiner frisch entdeckten Liebe zum Wandern (nach dem Fischen schon meine zweite Altherrenbeschaeftigung!) zumindest laut Suunto und Google Maps auch die Tageskilometer eines Two Oceans plus auf der Habenseite des heutigen Tages stehen.

The A-Team

Heute Nacht hatte ich endlich Gelegenheit den Einsatz der bereits erwaehnten "Armed Response" Teams zu erleben. Und ich durfte wieder einmal feststellen, manchmal ist die Welt genau so wie sich der kleine Franzi das vorstellt.

Die Ausgangssituation: Friday Night, halb Kapstadt auf den Beinen und in unterschiedlicher Dosierung der Wirkung sedierender oder aufputschender, sowohl legaler (sprich der Staat verdient mit) als auch illegaler Substanzen ausgesetzt. Ploetzlich geht irgendwo der Alarm los. Und zwar nicht ein laestiges Hintergrundgeraeusch, wie man es von Autoalarmanlagen oder den Gewissensberuhigern in europaeischen Vororten kennt, sondern eher etwas in der Richtung Fliegeralarm Dresden '45.

Die natuerliche Reaktion der Menschen, von Neulerchenfeld bis Kapstadt? Weil wann wo ein Unfall is, und de Leit, da hoer i scho: "Hearst, da liegt ana, da pickt ana", da renn i hin, glei bin i dort, weil i bin hart. Eh man sichs versieht stehen alle Anwohner auf ihren Balkonen, die Lokalgaeste mit ihren Getraenken auf der Strasse, die Raucher dankbar fuer die Gelegenheit endlich mal nicht alleine vor der Tuer tschicken zu muessen, und warten was wohl als naechstes geschieht.

Weil zwischen den diversen Sicherheitsfirmen ein harter Wettbewerb besteht und offenbar jeder Anbieter den Blattschuss setzen moechte, stolpern recht bald die ersten bewaffneten SWAT-Teams in voller Montur (Helm, kugelsichere Weste, Militaerstiefel, allerlei beim Laufen behinderndes Geraet um den Koerper geschnallt und natuerlich - hoffentlich gesichert - das Sturmgewehr in der Hand) in die Szene und fragen sich durch die Menge, wo denn der Ueberfall stattgefunden habe. Natuerlich hat keiner den Ueberblick, aber die Leute auf den Balkonen koennen zumindest Auskunft darueber geben ob es ihre Alarmanlage war, und schicken die Teams dann weiter durch die Nachbarschaft, vermutlich immer dorthin wo am meisten Licht und Laerm sind. Nach und nach trudeln dann mehr Sicherheitsfirmen und bald auch die Polizei ein, die Situation wird immer unuebersichtlicher und traegt bald Zuege von Monty Python oder Mr. Bean.

Es entzieht sich meiner Kenntnis wie die Sache zu Ende ging, ob es ein durch eine in Nachbars Garten springende Katze ausgeloester Fehlalarm war, oder sich gar um einen besonders grausamen Raubmord handelte. Das Publikum hat sich nach etwa einer Viertelstunde zu langweilen begonnen, auch ist es nachts doch noch sehr kalt hier, und so verschwanden die Zuschauer recht bald wieder im Warmen und haben die tapferen Krieger ihrem Schicksal ueberlassen. Da kein einziger Schuss fiel und sich auch die Einsatzwagen wenig spaeter zurueckgezogen haben vermute ich jedoch, dass es ein typischer Fall von viel Laerm um nichts war.

Immerhin war dann fuer den Rest des Abends fuer Gespraechsstoff gesorgt. So weiss ich nun zu berichten, dass der Stacheldraht, die Ueberwachungskameras, die Alarmanlagen und Sicherheitsfirmen vor Privathaeusern von den Versicherungen bei Abschluss einer Haushaltsversicherung verlangt werden. Und obwohl jeder beteuert hat, dass er persoenlich sich nicht bedroht fuehlt, konnte doch jeder von einigen Vorkommnissen auf dem Weg zu den ersten Wahlen berichten wo es Tote und Verletzte gab. Wiewohl die Lage nun stabil erscheint, hat doch keiner vergessen darauf hinzuweisen, dass mit jeder Wirtschaftskrise in den vergangenen Jahren die soziale Kluft groesser geworden ist, weil es immer die Aermsten waren die von Zwangsversteigerungen und Kreditklemmen als Erste und am Staerksten betroffen waren. Die Aktionaersquote unter Schwarzen ist daher jetzt geringer als vor 15 Jahren, und alle waren sich einig, dass Suedafrika verglichen mit dem Rest von Afrika zwar stabiler und besser dasteht - es aber eben doch Afrika bleibe und angesichts der jungen 'lost generation' jederzeit alles moeglich ist.

Zum Glueck haben wir fuer den Fall der Faelle ja noch die Polizei und privaten Sicherheitsdienste, da sind wie ich befriedigt feststellen durfte echte Profis am Werk. Es scheint sich uebrigens kein Suedafrikaner daran zu stossen, dass in den Lokalen im Zentrum bestenfalls das Personal schwarz, die Gaeste jedoch ausnahmslos weiss sind. Auch die Tatsache, dass die bewaffneten Einsatzkraefte oeffentlicher wie privater Hand fast ausschliesslich von Schwarzen gestellt werden hat auf das Sicherheitsempfinden keine spuerbaren Auswirkungen. Hoffen wir mal, dass das auf der Seite derjenigen mit Waffen und Munition auch so gesehen wird.