Mittwoch, 28. September 2011

Telefonjoker

Man lernt ja bekanntlich nie aus, und wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben.

Sollte ich jemals als Telefonjoker vor der kniffligen Frage stehen, ob der "grosse Vorsitzende" (so haben ihn alle Chinesen, die ich getroffen habe bezeichnet, auch jene die ihn offen ablehnen - so weit ist es also schon gekommen!) Mao vom 1, 10, 20 oder 100 Yuan-Schein laechelt, so kann ich nun auftrumpfen: Er prangt auf jedem einzelnen Geldschein in China!

Allein dadurch ist Mao allgegenwaertig und fest in den taeglichen Ueberlebenskampf integriert. Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob die juengeren Chinesen in ihm etwas anderes sehen als das Standardmotiv auf Geldscheinen, vermutlich gibt es aber nach wie vor eine nicht unerhebliche Dosis Gehirnwaesche in den Pflichtschulen.

Das waere uebrigens auch eine gute Anregung fuer Europa. Sollte der Euro scheitern, koennten wir je nach Ausgang der Wahlen Faymann, die Schottermizzi oder den strammen HC auf die neue Krone (oder Schilling, oder im Fall von HC die neue Reichsmark) drucken. Die Liebe und Dankbarkeit des Volkes werden unendlich sein.

Sein Portraet ist auch an prominenter Stelle am Eingang zur verbotenen Stadt angebracht. Dachte ich zunaechst, damit wollte man demonstrieren, dass man den Kaiser mit nassen Fetzen aus der Stadt gejagt hat und nun der Bauernluemmel Mao bzw. seine Epigonen das Sagen haben, so keimt bei naeherer Betrachtung doch Zweifel auf.

Immerhin besuchen tagtaeglich abertausende Chinesen aus allen Provinzen in (von der Partei organisierten?) Bustouren Peking, das Highlight (bzw. Pflichtprogramm) sind dabei zweifelsohne der Tienamen-Platz, Mao-Mausoleum und Kaiserpalast.

Nicht wenige von ihnen sind Analphabeten, die sich schon schwertun, von ihrem lokalen Dialekt abweichendes sog. "Hochchinesisch" zu verstehen, geschweige denn ein einziges Schriftzeichen lesen koennen. So etwa auch die Grosseltern meiner Uebersetzerin sowie die Eltern meines Fahrers, wie diese einmuetig erlaeuterten.

In der Pflichtschule lernt man ca. 5000 Zeichen, mit denen man einigermassen durch den Alltag kommt, so richtig fertig wird man damit jedoch nie. Fuer Ehrgeizige gibt es noch die Unterschiede zwischen traditioneller Schreibweise (mehr Schnoerkel, keine Satzzeichen, Schreibrichtung von oben nach unten und von rechts nach links) zum im Alltag gebraeuchlichen vereinfachten Alphabet zu ergruenden.

Daher meine These: will die Partei in ihrer unergruendlichen Weisheit mit dem Mao-Portaet am Hauptportal zum Kaiserpapast den Provinzlern nur verdeutlichen, dass hier Eintritt zu berappen ist?!